stahl-blog.de - Stahl im Fokus

Mittwoch, 19. Juni 2019
8. April 2019 | 15:55

Energiewende und Transformation der Grundstoffindustrien – zwei Seiten einer Medaille

Dieser Beitrag ist Teil der Blog-Serie „POLITIK-KOMPASS: Wegweiser zur Europawahl 2019“.

Ende des vergangenen Jahres hat die Europäische Kommission ihre Überlegungen zu einer Langfriststrategie für die EU-Klimapolitik vorgelegt. Das ehrgeizige Ziel: Bis 2050 soll Europa klimaneutral sein – eine tiefgreifende Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Auch die Folgen für den Industriestandort müssen die Regierungen der EU-Staaten im Blick haben, wenn sie über Vorgaben einer EU-Klimaschutzstrategie beraten.

Um das angestrebte Ziel zu erreichen, ist in der Industrie ein grundlegender Umbau erforderlich, der in seiner Größenordnung mit der Energiewende vergleichbar ist. Eine CO2-neutrale Wirtschaft in 2050 würde gerade in der Primärstahlerzeugung einen massiven Umbruch in der Produktionsweise mit zum Teil bahnbrechenden Innovationen voraussetzen – eine Tatsache, die auch die EU-Kommission teilt.  

Stahlindustrie und Klimaschutz

Die Stahlindustrie in Deutschland nimmt ihre Verantwortung für den Klimaschutz sehr ernst. Dies zeigt sich an den zahlreichen Forschungsprojekten rund um neue technische Perspektiven der Stahlproduktion, aber auch bereits in der Umsetzung konkreter Maßnahmen z. B. im Bereich der Kreislaufwirtschaft. Damit die Branche in Deutschland zukunftsweisende Verfahren und Technologien entwickeln sowie implementieren kann, ist eine öffentliche Unterstützung der Forschung und Entwicklung, aber auch der Umsetzung in einen industriellen Maßstab unerlässlich. Dazu bedarf es erheblicher finanzieller Mittel aus den Forschungs- und Investitionsprogrammen.

Rahmenbedingungen für eine CO2-neutrale Wirtschaft schaffen

Dass die Kommission genau dies würdigt, ist jedoch nur ein Teil der Lösung. Eine strategische Antwort auf die Frage, wie der Industrie für den Weg in die Klimaneutralität der Einsatz moderner und CO2-armer Technologien ermöglicht werden kann, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren, gibt sie hingegen noch nicht. Doch ist gerade dies eine Schlüsselfrage für die industrielle und wirtschaftliche Zukunft Europas.

Die Stahlindustrie in Deutschland und der EU bewegt sich in einem globalen Umfeld, das von hoher Wettbewerbsintensität geprägt ist. Allein im Bereich der Rohstahlerzeugung sind für eine künftige CO2-arme Stahlproduktion Investitionen erforderlich, die in der Größenordnung des dafür heute investierten Anlagenparks liegen würden. Gegenüber den internationalen Konkurrenten außerhalb der EU müssen zudem erheblich höhere Betriebskosten getragen werden. Die Voraussetzung für die Umsetzbarkeit solcher Verfahren sind aber gleiche Wettbewerbsbedingungen für europäische und außereuropäische Stahlproduzenten. Idealerweise würden diese im Rahmen eines weltweiten Klimaregimes sichergestellt. Dies ist jedoch auch mit dem Pariser Abkommen und den ersten Verabredungen in Kattowitz noch auf lange Zeit nicht absehbar.

EU-Klimaziele: Wettbewerbsfähigkeit erhalten

Die gewünschte Vorbildfunktion für andere Regionen in der Welt kann Europa nur entfalten, wenn es nachweist, dass es die Klimaziele erreichen und zugleich die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie erhalten kann.

Erste Voraussetzung dafür ist eine dauerhaft wettbewerbsverträgliche Ausgestaltung des Emissionshandelssystems, in dem die effizientesten Anlagen nicht mit Kosten belastet werden. Leider werden in Brüssel derzeit die Weichen in die falsche Richtung gestellt. Energieintensive Industrien wie den Stahl zusätzlich noch in einem nationalen Klimaschutzgesetz unter ein jahresscharfes Sektorziel zu zwingen, wäre indes eine ineffiziente Doppelregulierung, die auch dem langfristigen Zeithorizont der erforderlichen Entwicklungen nicht gerecht würde. Auch sind international wettbewerbsfähige Energiepreise und eine sichere Versorgung unverzichtbar – im Kontext von Energiewende und Kohleausstieg eine drängende Aufgabe.

Schließlich müssen Instrumente gefunden werden, mit denen CO2-arme Produktionsverfahren trotz drastisch höherer Kosten gegenüber Ländern ohne vergleichbaren Aufwand wettbewerbsfähig betrieben werden können. Dies ist bis zu jenem Zeitpunkt erforderlich, an dem die Stahlerzeuger zu weltweit gleichen Bedingungen produzieren. Bis dahin ist es Aufgabe von Politik, in der Klimastrategie einen Rahmen zu schaffen, der den Unternehmen und ihren Investitionen eine Perspektive am Standort Deutschland und Europa aufzeigt. Die bisherigen Überlegungen der europäischen Politik bleiben in dieser Hinsicht zu vage.

KerkhoffÜber den Autor: Hans Jürgen Kerkhoff ist Präsident und Geschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Stahl.

 

Drucken:
Teilen:

Tags
Energie und Umwelt
Energiewende
Stahlindustrie in Deutschland

Hinterlassen Sie einen Kommentar: