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Montag, 22. Oktober 2018
17. April 2018 | 09:35

„Den digitalen Wandel unterstützen“

Die Digitalisierung gilt zugleich als eine der größten Chancen und eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Wie ist die deutsche Industrie hier aufgestellt und wie wird sich Industrie 4.0 auf die nationalen und internationalen Wirtschaftsbeziehungen auswirken? – Darüber haben wir mit Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), gesprochen.

Die Digitalisierung hat längst die Industrie erreicht. Wie gut sehen Sie das produzierende Gewerbe und, im Besonderen die Stahlindustrie, hier aufgestellt?

Deutschland hat mit Industrie 4.0 ein gutes Konzept für die digitale Transformation. Die vergangene Hannover Messe hat die Bedeutung von Industrie 4.0 gezeigt. Die Hallen waren voll mit digital vernetzten Maschinen und Anlagen, Sensoren zur Datenerfassung und Robotern. Auch die Stahlindustrie treibt den digitalen Wandel voran. Jedes siebte Unternehmen der Stahlindustrie investiert mehr als sechs Prozent seines Umsatzes in die digitale Transformation, in fünf Jahren wird es jedes dritte Unternehmen sein. Insgesamt ist auf dem Gebiet aber noch Luft nach oben. Im erstmals erhobenen Digitalisierungsindikator von BDI und acatech liegt Deutschland deutlich hinter anderen Industrienationen auf Rang 17. Es gibt zwar reihenweise digitale Vorreiter, doch gerade bei den kleinen Unternehmen und in wenig technologieintensiven Branchen ist die Durchdringung mit digitalen Technologien gering.

Was sollte die Politik tun, damit die deutsche Wirtschaft beim Thema Digitalisierung nicht abgehängt wird?

Die Politik kann keine digitalen Weltmarktführer erschaffen, aber sie kann den digitalen Wandel unterstützen. Indem sie den Ausbau von schnellem Internet vorantreibt, bei der Bildung Weitblick zeigt, die Rahmenbedingungen für Wagniskapital verbessert und beim E-Government endlich ein gutes Beispiel gibt. Die wichtigste Aufgabe der Politik ist es aber, die Chancen der Digitalisierung in den Vordergrund zu stellen. Sie darf sich nicht dazu verleiten lassen, mögliche Risiken durch ausufernde gesetzliche Vorschriften begrenzen zu wollen. Deutschland kann bei der Digitalisierung nur vorne mitspielen, wenn sich digitale Innovationen frei entfalten können.

Welches Potenzial sehen Sie, wenn Sie an eine digital vernetzte Produktion denken? Wohin geht die Reise in den nächsten 20 Jahren?

Die Möglichkeiten von Industrie 4.0 lassen die Herzen vieler Ingenieure höherschlagen. Da alles, was im und um das Unternehmen passiert, digital erfasst wird, können Prozesse viel schlanker und flexibler gestaltet werden. Zudem ermöglicht Industrie 4.0 eine engere Verbindung zum Kunden. Früher war die Beziehung zum Kunden mit dem Verkauf eines Produktes häufig abgeschlossen. Im Zeitalter der digitalen Vernetzung fängt die Beziehung zum Kunden erst nach dem Verkauf richtig an. Zukünftig kann ein Unternehmen nachvollziehen, wie und in welchem Umfang der Kunde ein Produkt nutzt – vorausgesetzt, er darf auf die Daten zugreifen. Diese Kenntnis ist wertvoll, um die eigenen Produkte noch genauer an die Kundenbedürfnisse anzupassen und neue Geschäftsmodelle anzubieten.

Inwieweit wird sich dadurch die Rolle der deutschen Industrie in der Welt verändern?

Ich bin zuversichtlich, dass die deutsche Industrie ihre Spitzenposition halten kann. Die Voraussetzungen sind hervorragend. Aber die Industrie muss sich auch ein Stück weit neu erfinden. Viele Unternehmen sehen sich als Anbieter von Produkten und nicht als Anbieter digitaler Dienstleistungen. Dabei ist es die Kombination aus beidem, die Industrie 4.0 so spannend macht. Zum Beispiel hat ein Pumpenhersteller eine App entwickelt, die anhand der Motorengeräusche erkennt, ob eine Pumpe sparsam läuft. Solche Dienstleistungen ergänzen die Produktpalette von Unternehmen perfekt, ihre Entwicklung setzt aber auch eine Menge IT-Know-how voraus. Das müssen sich die Unternehmen schnellstmöglich aneignen.

Bereits heute ist es für viele Industrie-Unternehmen schwierig, die passenden Fachkräfte zu finden. Welche Schlüsselqualifikationen sollten Fachkräfte künftig mitbringen und wie können sie vermittelt werden?

Der Fachkräftemangel wird im Zuge der Digitalisierung weiter zunehmen. Das mangelnde Know-how der Mitarbeiter landet bei Unternehmensumfragen zu den größten Digitalisierungshemmnissen regelmäßig auf dem ersten Platz. Es muss ja nicht gleich jeder Informatiker sein, aber ein gewisses Grundverständnis für digitale Technologien ist zukünftig überall gefordert. Das gilt für den Arzt genauso wie für die Versicherungskauffrau. Digitale Kompetenz muss es frühzeitig in allen Bildungsstufen geben, von der Kita bis zur Berufsschule. Vor allem müssen Lehrer dazu befähigt werden, digitale Kompetenzen zu vermitteln. Leider sind es meist die Schulen, die sich als Letztes digitalisieren – das ist aus meiner Sicht unverantwortlich.

Ergänzen Sie zum Abschluss bitte folgenden Satz: Stahl trägt die deutsche Wirtschaft, weil …

…er unverzichtbar ist für die Entwicklung, für die Produktion und den Export von Produkten, Maschinen und Technologien Made in Germany. Als Teil der klassischen Rohstoffe ist Stahl in Maschinen verbaut, mit denen Zukunftstechnologie im Industrieland Deutschland hergestellt wird. Darüber hinaus wird er für die Produktion von Elektromotoren gebraucht oder bei der Montage von Photovoltaikanlagen. Damit bildet Stahl den Teil des Gerüsts, das die deutsche Wirtschaft trägt und auf das die deutsche Wirtschaft aufbaut.

 

Zur Person: Prof. Dieter Kempf studierte Betriebswirtschaftslehre in München. 1991 stieg er beim IT-Dienstleister DATEV ein, dessen Vorstandsvorsitzender er von 1996 bis 2016 war. Von 2011 bis 2015 führte Kempf den IT-Branchenverband BITKOM. Seit Januar 2017 ist er Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie.

 

Dieser Beitrag ist zuerst in Ausgabe I/2018 von „Stahl – Das Magazin“ erschienen.


Beitragsbild: Christian Kruppa

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Tags
BDI
Digitalisierung
Industrie 4.0
Stahlindustrie in Deutschland

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