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Freitag, 15. November 2019
30. Juli 2019 | 11:02

100 Jahre Bauhaus: Stahl als der bevorzugte Werkstoff für Architekten und Designer

Rechte Winkel sind Trumpf, Rundungen tabu. Klarheit statt Ornament. So könnte man vereinfacht den Stil des Bauhauses umschreiben. Die Kunstschule feiert 2019 ihr 100-jähriges Jubiläum. Keine andere Stilrichtung aus Deutschland hat weltweit einen derartig großen Einfluss auf die Gestaltung genommen, wie die von Walter Gropius in Weimar gegründete staatliche Schule für Architektur, Design und Kunst.

Obwohl es anfangs zahlreiche Anfeindungen gab, setzte sich die innovative Kraft der Design- und Architekturrevolution mehr und mehr durch. Das Bauhaus-Design wirkt bis heute nach und erhält immer neue Anhänger. Dabei existierte die berühmte Avantgarde-Kunstschule nur bis zum Jahr 1933 und wurde von den Nationalsozialisten nur 14 Jahre nach ihrer Gründung geschlossen.

Doch während und nach der kurzen Zeit ihres Wirkens haben die Bauhaus-Lehrer und Schüler ihre Entwürfe hinaus in die Welt gebracht. Ihr Erfolg entsprach dem damaligen Zeitgeist: Neue Sachlichkeit in der Architektur und im Alltag waren gewünscht; Industrieprozesse und -materialien erfuhren eine neue Beachtung und Aufwertung. Zentrale Botschaften der Bauhaus-Denkschule waren Minimalismus und Moderne. Schlichte Funktionalität und formale Zurückhaltung waren kennzeichnend für diese Stilrichtung. Auch ökologisches Bauen war damals bereits wichtig.

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass Stahl der bevorzugte Werkstoff des Bauhaus-Konzeptes war. Das verchromte Stahlrohr war das Haupt-Gestaltungselement der von Marcel Breuer entworfenen Möbel. Das Material gilt als gleichzeitig biegsam und fest, was minimalistisches Design ermöglichte. Der Freischwinger, ein Stuhl ohne Hinterbeine, machte durch sein Schwingen eine dämpfende Polsterung überflüssig. Dieser wohl bekannteste Bauhaus-Stuhl wurde zur Ikone des modernen Industriedesigns und ist nach wie vor sowohl aus vernickeltem Stahlrohr wie auch aus Edelstahl zu bekommen.

Der Freischwinger steht exemplarisch für den Bauhaus-Stil. Stahl wird von Designern bevorzugt für die Gestaltung eingesetzt. (Foto: PIRO4D/Pixabay)

Auch andere Objekte, wie Leuchten, Schreibtische und sogar komplette Küchen entstanden in den Werkstätten des Bauhauses. Dabei dachten die Designer von Anfang an auch an industrielle Massenfertigung. Zu den wenigen Frauen, die in der Bauhaus-Werkstatt arbeiten durften, gehörte Marianne Brandt. Die Metallgestalterin brachte es sogar zur stellvertretenden Werkstattleiterin. Sie entwarf aus Edelstahl eine Zucker- und Sahnegarnitur aus Kännchen, Zuckerschale, Zange und Tablett. Viele ihrer Bauhaus-Klassiker sind heute noch erhältlich und befinden sich in den Sammlungen des Museum of Modern Art in New York oder des British Museum in London. Wilhelm Wagenfeld, der sich auch dem Bauhaus verpflichtet fühlte, entwarf in den 1950er Jahren ebenfalls aus Edelstahl die berühmte Bauhaus-Leuchte sowie Eierbecher, Salzstreuer und Butterdosen und ließ sie millionenfach herstellen.

Zwischen dem Bauhausstil und der Klassischen Moderne gibt es keine klare Abgrenzung. Designer lieben Stahl als Material, da er gestaltbar, robust und nachhaltig ist. Denn er kann wiederverwendet und unbegrenzt recycelt werden. So verwendet das 2014 in Bonn gegründete Unternehmen „Echtstahl“ farbig pulverbeschichtetes Stahlblech oder -rohr für gradlinige, funktionale und schlichte Möbel oder andere Produkte. Während diese vor allem für den Innenbereich des Hauses konzipiert sind, sind die von Lizzy Heinen designten Edelstahlmöbel ausdrücklich für den Außenbereich einsetzbar. Das in Meerbusch sitzende Unternehmen lässt ebenso wie „Echtstahl“ seine Entwürfe handwerklich und mit hohen Ansprüchen an Material, Verarbeitung und Nachhaltigkeit ausschließlich in Deutschland fertigen.

Für Nicolai Neubert, Professor an der Hochschule Anhalt in Dessau, ist beim schwedischen Möbelhaus Ikea der klare, schnörkellose Bauhaus-Stil unübersehbar. Dass man diese Möbel häufig selbst zusammenschrauben muss, also vom reinen Konsumenten zum Nutzer und Teil der Wertschöpfungskette werde, entspreche dem Bauhaus-Gedanken, so der Produktdesigner.

Die höchste Stufe des Bauhaus-Designs war jedoch die Architektur. Denn die drei Direktoren Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe waren allesamt Architekten. Sie verhalfen der Architektur zum Durchbruch in die Moderne. Die Architekten des Bauhauses führten neue Baustoffe wie Stahl, Glas und Beton ein und ließen die ersten industrialisierten Wohnungsbauten für Menschen entstehen – auch aus ärmeren sozialen Schichten.

Die Zeche Zollverein in Essen gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Auch hier lässt sich der Bauhausstil erkennen. (Foto: Markus Spiske/Pixabay)

Zu den Hauptwerken von Mies van der Rohe zählt die Villa Tugendhat in Brünn, mit deren Bau 1929 begonnen wurde. Eine neuartige Stahlskelettkonstruktion ermöglichte versenkbare Fenster für den Blick in die Natur. Hochglanzpolierte Edelstahlsäulen reflektierten im Wohnzimmer das Sonnenlicht. Diese Villa wurde 2001 in die UNESCO-Welterbeliste als Denkmal moderner Architektur aufgenommen. Ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört als Industriearchitektur die 1932 gebaute Zeche Zollverein in Essen. Die Architekten verwirklichten dort in bester Bauhaus-Tradition die Prinzipien der weitest möglichen Reduktion und der Schmucklosigkeit sowie der rechten Winkel. Lampen, Geländer oder Fenster- und Türgriffe sind gleichzeitig zweckmäßig wie ästhetisch überzeugend designt.

Nach Schließung der Bauhaus-Schule 1933 emigrierten viele ihrer Lehrer und Schüler in die USA oder nach Israel. In Chicago und New York finden sich viele Hochhäuser, die in diesem Stil erbaut sind. Das wohl größte Bauhaus-Ensemble der Welt existiert jedoch mit der „Weißen Stadt“ in Tel Aviv. Die Bauhaus-Gestalter verwirklichten also weltweit die Idee, dass ein Gegenstand zugleich einfach, schön und für alle zugänglich sein kann – eine Auffassung von Design, die bis heute unser Leben prägt.

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Über die Autorin: Beate Brüninghaus war bis Juni 2016 Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit des Stahl-Zentrums in Düsseldorf.



Titelbild: Tegula/Pixabay

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