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Montag, 25. September 2017
11. Juni 2014 | 14:10

Warum die Stahlindustrie nicht als Sündenbock der Energiewende taugt

Replik auf den Blog-Beitrag des „Klima-Lügendetektors“

Das Blog „Klima-Lügendetektor“ kritisiert das im Magazin „Stahl unter Strom“ dargelegte Plädoyer für Entlastungen der Stahlindustrie von der EEG-Umlage. Die Autoren haben der industriepolitischen Argumentation keine Fakten entgegenzusetzen. Die Wirtschaft ist ein unverzichtbarer Teilnehmer an der Debatte zur deutschen Energiepolitik.

Gravierend erscheint die Behauptung der anonymen Autoren, die Stahlindustrie verbreite Lügen. Wir führen diesen Vorwurf auf Unwissen zurück und möchten ihn mit einigen Fakten entkräften.

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In der Diskussion. Die Publikation „Stahl unter Strom“.

Die Wirtschaftsvereinigung Stahl vertritt rund 80 in Deutschland ansässige stahlproduzierende und stahlverarbeitende Unternehmen. Die Aufgabe unserer Organisation ist es auch, das vorhandene Wissen über moderne Stahlproduktion zu bündeln und der Öffentlichkeit zu vermitteln. Mit unseren Beiträgen wollen wir auch zu einer sachlichen und differenzierteren Diskussion zwischen der Industrie und der Umweltbewegung beitragen.

Klima-Lügendetektor: „Und weil immer mehr Unternehmen die üppigen Rabatte bei der Ökostrom-Umlage bekommen, ist das Solidarprinzip bei der Finanzierung der Energiewende längst ausgehebelt. Nicht mehr alle beteiligen sich, sondern einige immer mehr.“

Die Stahlindustrie zahlt trotz besonderer Ausgleichsregelung eine Mindestumlage, die im Zuge der aktuellen EEG-Reform verdoppelt werden soll. Zudem ist ein beträchtlicher Teil des Stromverbrauchs, vor allem in der Weiterverarbeitung, nicht von der Umlage entlastet, so dass erhebliche Summen zur Finanzierung der Erneuerbaren Energien beigetragen werden. Die Industrie insgesamt trägt 6 Milliarden Euro bei. Es ist aus unserer Sicht falsch, die energieintensiven Unternehmen gegen andere Verbraucher auszuspielen. Von einer wettbewerbsfähigen Industrieproduktion profitieren alle Bürger durch Arbeitsplätze und Wohlstand.

Klima-Lügendetektor: „Die Stahlbranche hat (wie auch andere Industriezweige) längst Wege gefunden, die EEG-Umlage zu umgehen: Zum Beispiel einfach ein Kraftwerk mieten, dadurch den Status „Eigenstromerzeuger“ sichern und – schwupps – über das „Eigenstrom-Privileg“ von der EEG-Zahlung befreit werden.“

Die Eigenstromerzeugung der Stahlindustrie basiert auf der Verwertung zwangsläufig in den Produktionsprozessen anfallender Kuppelgase sowie auf der Nutzung weiterer energetischen Potenziale (Gasdruck, Abwärme). Die Nutzung von Kuppelgasen wurde bereits in den 1930er Jahren, also lange vor den erneuerbaren Energien eingeführt; eine Umgehung oder ein „Herausstehlen“ aus dem EEG kann damit offensichtlich nicht der Grund für den Betrieb eigener Kraftwerke sein.

Dabei wird der überwiegende Teil des Stromverbrauchs in den integrierten Hüttenwerken aus den Kuppelgaskraftwerken bedient. Elektrostahlwerke dagegen kaufen ihren Strom vollständig ein. Etwa zwei Drittel des in Deutschland erzeugten Rohstahls wird in den integrierten Hüttenwerken erschmolzen, das verbleibende Drittel wird über die Elektrostahlroute hergestellt.

Klima-Lügendetektor: „Gegen diese „Kuppelgasnutzung“ ist natürlich wenig zu sagen, doch wird nur ein kleiner Teil des Eigenstroms, mit dem sich die deutsche Schwerindustrie aus dem EEG herausstiehlt, aus Kuppelgas gewonnen. Viel häufiger sind ganz normale Kohle- oder Erdgaskraftwerke. Im Klartext: Aus einem winzigen Teilaspekt bastelt sich die Stahllobby einen generellen Persilschein.“

Die Eigenstromerzeugung der Stahlwerke erfolgt fast ausschließlich auf Basis der Nutzung von Kuppelgasen und anderen Restenergien (Gasdruck, Abwärme), und eben gerade nicht aus normalen Kohle- und Gaskraftwerken (siehe Grafik). Es handelt sich also nicht um einen „winzigen Teilaspekt“, sondern um einen zentralen Bestandteil einer modernen Stahlproduktion. So werden jährlich über 9 TWh Eigenstrom erzeugt. Dies entspricht einem Drittel des Energieverbrauchs der Stahlindustrie in Deutschland, der Rest wird zugekauft. Die integrierten Hüttenwerke sind dabei vorwiegend energieautark und versorgen ebenfalls das öffentliche Netz. 2012 speiste sie über 3,5 TWh in das öffentliche Netz ein.

Versachlichung sowie regionale und ökonomische Differenzierung würden aus unserer Sicht den umweltpolitischen Debatten guttun. Es soll nicht vergessen werden, dass der Klimaschutz eine globale Herausforderung ist, die die Industrieunternehmen in Deutschland durch Effizienzsteigerung und technische Modernisierung ihrer Anlagen sehr ernst nehmen. Die Stahlindustrie leistet auch dadurch einen Beitrag zum Klimaschutz, dass sie einen hochmodernen und innovativen Grundstoff bereitstellt, der in seiner breiten Anwendung und über seinen Lebenszyklus hilft, Emissionen zu senken und Energie zu sparen. Eine Studie der Boston Consulting Group hat dieses Potenzial des Werkstoffs Stahl erforscht: Innovative Stahlprodukte sparen sechsmal mehr CO2 ein, als sie bei der Herstellung verursachen.

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KerkhoffÜber den Autor: Hans Jürgen Kerkhoff ist Präsident und Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Stahl und Vorsitzender des Stahlinstituts VDEh.


Grafik: Energie mehrfach genutzt: So schonen Stahlunternehmen das Klima – Das Schema zeigt, wofür die Kuppelgase aus Koks-, Roheisen- und Rohstahlerzeugung verwendet werden.

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EEG
Eigenstromerzeugung

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