stahl-blog.de - Stahl im Fokus

Freitag, 24. März 2017
1. Februar 2017 | 10:21

Protektionismus ist die falsche Antwort auf die globale Strukturkrise beim Stahl

Droht der Stahlindustrie nach Amtsantritt des neuen US-Präsidenten eine neue Protektionismuswelle? Eine Analyse von Dr. Martin Theuringer, Chefvolkswirt der Wirtschaftsvereinigung Stahl.

Die Folgen protektionistischer Maßnahmen wären gravierend, vor allem für die Stahlindustrie in Europa und in Deutschland. Denn eine Abschottung des größten Importmarktes in der Welt durch höhere Außenzölle oder verschärfte Buy-USA-Vorschriften würde wohl eine erhebliche Handelsumlenkung nach sich ziehen und damit die Importkrise auf dem EU-Stahlmarkt, die noch lange nicht überwunden ist, verschärfen. Hinzu kämen weitere Absatzverluste in Form reduzierter Exporte in Drittmärkte, zumal damit gerechnet werden muss, dass andere Staaten dem handelspolitischen Beispiel der USA folgen würden.

Stahlindustrie leidet besonders unter Protektionismus

Die Stahlindustrie in Deutschland wäre besonders gefährdet. Zum einen, weil die handelspolitischen Verflechtungen mit den USA im Stahlbereich sehr eng sind: 20 Prozent der deutschen Drittlandexporte in Höhe von 800 Tsd. Tonnen, zumeist höherwertige Güten, gehen in die Vereinigten Staaten. Zudem exportiert die deutsche Industrie dorthin stahlhaltige Güter wie Autos und Maschinen in einer Größenordnung von etwa 2,5 Mio. Tonnen Walzstahl. Damit sind die Vereinigten Staaten das zweitwichtigste Absatzland für stahlintensive Güter aus Deutschland, übertroffen nur von Großbritannien, wo ebenfalls Handelshemmnisse im Falle eines harten Brexits drohen.

Diese Gefährdungslage muss auch vor dem Hintergrund gesehen werden, dass im Stahlbereich infolge der globalen Strukturkrise bereits protektionistische Tendenzen in Form von höheren Importzöllen, schikanösen Zertifizierungsvorschriften, Buy-National-Klauseln oder Exportsubventionen flächenartig zu beobachten sind. Hinzu kommen unfaire Handelspraktiken wie ruinöses Preisdumping. All dies hat maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die Überkapazitäten in der globalen Stahlindustrie verfestigt haben. Der OECD zufolge liegen sie bei rund 660 Mio. Tonnen, davon rund zwei Drittel in China. Eine weitere Ausbreitung des Protektionismus wäre daher sicherlich die falsche Antwort auf diese größte Herausforderung in der globalen Stahlindustrie.

G20: Globales Stahlforum darf nicht scheitern

Notwendig wäre stattdessen, den Weg fortzusetzen, den die G20-Regierungschefs im September auf ihrem letzten Gipfel in Hangzhou eingeschlagen haben. Damals haben sie sich zu einer verstärkten Kooperation verpflichtet und insbesondere darauf verständigt, ein Globales Stahlforum einzurichten, das in den nächsten drei Jahren konkrete Schritte zur Stärkung marktwirtschaftlicher Anpassungsprozesse einleiten soll. Protektionistische Maßnahmen, gerade von Seiten der US-Regierung, würden die Arbeit dieses Gremiums, das die Arbeit unter deutscher Führung kürzlich aufgenommen hat, gefährden, wenn nicht sogar unmöglich machen. Die globale Strukturkrise würde sich wohl auf Jahre hinaus weiter verfestigen, zum Schaden aller.

Die EU ist daher gut beraten, sich parallel zu dieser Initiative ein effektives Antidumping- und Antisubventionsrecht zu erhalten und dort, wo nötig, zu schärfen. Anders als bei Protektionismus geht es bei diesen handelspolitischen Schutzinstrumenten nicht darum, der eigenen Industrie einen künstlichen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, sondern vielmehr Verzerrungen im internationalen Wettbewerb so weit wie möglich auszugleichen. Abseits davon existieren in der EU keine nicht-tarifären Handelshemmnisse. Importzölle für Stahl sind schon vor vielen Jahren abgeschafft worden. Die EU-Stahlindustrie hat daher schon immer Protektionismus abgelehnt und sich für offene Märkte eingesetzt. Im aktuellen Umfeld wird es aber zunehmend wichtiger, sich gegen unfaire Verhaltensweisen zur Wehr setzen zu können.

Links

TheuringerMarin DrÜber den Autor: Dr. Martin Theuringer leitet das Geschäftsfeld Wirtschaft in der Wirtschaftsvereinigung Stahl.


Drucken:
Teilen:

Tags
Außenhandel
Protektionismus

Hinterlassen Sie einen Kommentar:


3 Kommentare: