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Montag, 25. September 2017
16. Januar 2017 | 11:00

„Unter Männern“ – Frauen im Fokus der Stahlindustrie [Update]

Die Stahlindustrie in Deutschland ist eine traditionell männerdominierte Branche. Aber sie hat erkannt, dass weibliche Fachkräfte enormes Potenzial für die Weiterentwicklung des Industriezweiges haben. Die Frauenförderung der Stahlindustrie in Deutschland verzeichnet bereits erste Erfolge, wie ein Blick auf die Statistik und auf die Lebensläufe von Frauen in der Stahlindustrie beweist.

Der Frauenanteil in der Branche stieg seit 2011 von 6 % auf aktuell 8,9 % (2016) an.  Zudem ist der Anteil der weiblichen Auszubildenden in der Stahlindustrie 2016 mit 11 % im Vergleich zu anderen Technikbranchen überproportional hoch. Dasselbe gilt für Ingenieurinnen, die zuletzt 10,1 % der Fachkräfte in den Stahlwerken stellten.

Frauen in der Stahlindustrie – Beispiele

Die erste Frau, die in der Stahlindustrie in Deutschland die oberste Führungsebene erreichte, war Dr. Nicola Hirsch, die zuvor als Leiterin der Abteilung Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Medienpolitik beim DGB Bezirk NRW tätig war. Bis August 2016 war sie Arbeitsdirektorin von ArcelorMittal Duisburg. Dort waren ihr zeitweise über 1000 Fachkräfte unterstellt. Seit 2017 ist sie Mitglied des Aufsichtsrats von thyssenkrupp Steel Europe. Inzwischen gibt es acht Frauen auf der obersten Führungsebene in der Stahlindustrie in Deutschland:

Seit dem 1. Oktober 2016 fungiert Dr. Heike Denecke-Arnold als Geschäftsführerin von thyssenkrupp Steel Europe, Business Unit Precision Steel in Hohenlimburg. Über die studierte Metallurgin befindet der Betriebsratsvorsitzende Oliver Möscheid: „Eine handfeste Person“ . Sie selbst empfindet die männlichen Kollegen als sehr kollegial und hilfsbereit. Ein ehemaliger Vorgesetzter motivierte sie, dass ihr neue Herausforderungen gelingen werden. Heute wirkt sie aktiv an einem Mentoringprogramm von thyssenkrupp mit: „Als Mentorin gebe ich beispielsweise Tipps aus meinem Werdegang, beobachte das Talent während der Arbeit und gebe Feedback.“

Im Stahlwerk Annahütte in Hammerau, im Kreis Berchtesgaden, ist die Geschäftsführung sogar überwiegend weiblich. Zum 1. Januar 2016 hat Tanja Jursa die Geschäftsführung übernommen und ist dort nun für den Bereich Vertrieb zuständig. Neben ihr sind Katharina Eisl und Zoltán Taszner in der Geschäftsführung tätig. Katharina Eisl arbeitet bereits seit mehr als 16 Jahren im Stahlwerk Annahütte. Die Betriebswirtin ist seit 2010 Mitglied der Geschäftsführung im ältesten produzierenden Stahlwerk der Welt.

Beate Brandes leitete seit 2013 das Ressort Personal bei Salzgitter Flachstahl, ist inzwischen aber bei VW. Ebenfalls für Personalfragen zuständig ist Katja Rex von der Firma Riva. Sie gehört zur Geschäftsführung der beiden Stahlwerke in Brandenburg an der Havel und Hennigsdorf.

Auch in dem oft männlich besetzten Finanzressort arbeiten in der Stahlindustrie drei Frauen ganz oben: Tamara Weinert sitzt seit 2012 als Finanzchefin im Vorstand der Europatochter des finnischen Edelstahlherstellers Outokumpu in Krefeld. Zuvor hat sie eine Ausbildung bei der Deutschen Bank abgeschlossen und Erfahrung in vier unterschiedlichen Branchen gesammelt. Andrea Bauer war als Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin bereits von 2004 bis 2013 im Finanzvorstand eines Werkstoffveredlers und ist seit 2015 Finanzchefin des Edelstahlunternehmens VDM Metals in Werdohl. Übernommen hat sie diese Aufgabe von Ulrike Mieritz. Seit dem 1. Mai 2017 verantwortet Grit Heller die Bereiche Finanzen, Controlling, Risikomanagement und Compliance bei Vallourec Deutschland in Düsseldorf. Die 1978 geborene Diplomkauffrau ist seit 2011 bei dem französischen Rohrhersteller im Controlling tätig. Auch bei Salzgitter sind im Controlling Frauen in Führungspositionen vertreten. Seit 2011 leitet Gabriele Ram-Beyer das Konzerncontrolling.

TKSE_Dr. Alexandra Hirsch

Messen, analysieren, auswerten zwischen Hafen und Hochofen ist ihr Job. Dr. Alexandra Hirsch arbeitet direkt im Umfeld der „Männerwelt Hochofen“ als Chefin des Metallurgie- und Labor-Teams, in dem über 30 Prozent Frauen sind. (Foto: thyssenkrupp Steel Europe)

Dass „frau“ auch in bisher männertypischen Stahl-Berufen erfolgreich sein kann, beweist Dr. Alexandra Hirsch, Chefin der Prozessoptimierung der Hochöfen und der Qualitätskontrollen bei thyssenkrupp Steel Europe in Duisburg: „In der früher ausschließlich von Männern dominierten Welt am Hochofen gibt es auch heute noch keine Frauenquote.“ Die brasilianische Metallurgin und Mutter einer heute vier Jahre alten Tochter, Janaina Brum, entschloss sich nach ihrem Bachelor-Abschluss in Brasilien, für thyssenkrupp Steel Europe zu arbeiten und als Stipendiatin des Duisburger Stahlwerks ihr Master-Studium zu beenden: „Als Frau – noch dazu mit einer vier Monate alten Tochter – wäre es schwierig geworden, in meiner Heimat Arbeit zu finden“, erzählt Brum. Verantwortlich für rund 1.300 Mitarbeiter ist Ulrike Höffken, die die Logistik in der Stahlsparte von thyssenkrupp in Duisburg leitet. Nach über 30 Jahren Berufserfahrung in der Stahlindustrie sagt sie: „Ich habe ein dickes Fell entwickelt. Heute ist das bei nachrückenden Frauen anders, denn jüngere, gebildete Männer haben kaum Vorbehalte gegen Frauen.“

Die Ingenieurin Lisa Dorothée Müller kam vom Düsseldorfer VDEh-Betriebsforschungsinstitut nach Duisburg zu den Hüttenwerken Krupp Mannesmann (HKM): „Ob dieser Betrieb nun den Ruf einer „Männerwelt“ hat oder nicht, war und ist mir bis heute egal. Wie jeder recht junge Mensch, dazu noch mit wenig Betriebserfahrung, muss man sich ganz unabhängig vom Geschlecht beweisen und irgendwie zum Team passen. Mein Arbeitsumfeld hat es mir diesbezüglich nicht schwer gemacht, so dass ich mich schnell integriert gefühlt habe und mich auch zukünftig hier sehe.“

Ebenfalls bei HKM arbeitet Dominika Rother. Die 24-Jährige Verfahrensmechanikerin gehört als einzige Frau zu dem aus 150 Mitarbeitern bestehenden „Team Produktion“. Dort arbeitet sie in der „ersten Hitze“ am Hochofen. „Das ist mein Ding. Hier musst Du schleppen können. Und ich kann mithalten,“ sagt die 1999 mit ihrer Familie aus Polen gekommene Schmelzerin. „Kein Tag ist gleich,“ schätzt sie an ihrer Arbeit. Sie überwacht, dass der bis zu 1.500 Grad heiße Roheisenstrahl aus der Rinne sauber in die Pfannen und Kessel läuft. Silbermantel, Helm und Brille schützen vor Hitze, Funkenflug und Eisenspitzern. Wie haben die Kollegen sie aufgenommen? „Einige haben schon ein bisschen komisch geguckt,“ antwortet die junge Frau. „Aber das war mir egal.“

Auch Mona Nickel hat sich nach ihrem Maschinenbau-Studium und ihrer Ausbildung zur Industriemechanikerin für die Stahlbranche entschieden: Als Projektingenieurin im Bereich Projekt- und Umweltmanagement sorgt sie bei der Salzgitter Flachstahl GmbH dafür, dass die Infrastruktur des integrierten Hüttenwerkes erhalten und ausgebaut wird. Die 24-Jährige wusste schon vor dem Abitur, dass sie einen technischen Beruf ergreifen will und glaubt, dass vielen Mädchen nur der Mut fehlt, sich an den Bereich Technik zu wagen. Ebenfalls bei Salzgitter Flachstahl arbeitet die Metallurgin Dr. Tatjana Mircovic als Leiterin des Hochofens B. Für sie ist das Verhalten der Vorgesetzten entscheidend: „Frauen haben oft Probleme mit der Akzeptanz seitens der männlichen Kollegen, die ja noch immer weitgehend unter sich sind. Viel hängt daher von den Vorgesetzten ab. Zeigen sie Anerkennung für gute Arbeit, ist die Entwicklung für die Frauen leichter.“

Beinahe noch seltener sind Betriebsratschefinnen in der Stahlindustrie vertreten. Sabine Birkenfeld ist fast seit 30 Jahren Betriebsrätin von thyssenkrupp Steel Europe in Dortmund. „Es war ganz schwierig“, erinnert sie sich an die Anfangszeit. „Es kamen  hässliche Sprüche von allen Seiten“. Seit 2005 ist die Betriebsratschefin auch Mitglied im Aufsichtsrat von thyssenkrupp Steel Europe.

Arbeitgeber Stahlunternehmen – attraktiv, auch für Frauen

Die Ursachen für den Anstieg des Frauenanteils in der Stahlindustrie sind vielfältig. Zum einen bietet die Stahlbranche zahlreiche Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten und pflegt Kooperationen mit Schulen und Universitäten. Nahezu jedes Mitgliedsunternehmen der Wirtschaftsvereinigung Stahl organisiert oder beteiligt sich an „Girls’ Days“ und „Ladies’ Days“. Einige veranstalten gemeinsam mit Hochschulen „Sommer-Unis“ für den weiblichen Nachwuchs. Der Standort Duisburg des weltweit größten Stahlkonzerns, ArcelorMittal, betreibt über verschiedene Projekte gezielte Talentsuche nach weiblichen Fachkräften. Der größte Stahlkonzern in Deutschland, thyssenkrupp, hatte 2011 einen Anteil von nur sechs Prozent weiblichen Führungskräften. Heute seien es etwas mehr als zehn Prozent, so thyssenkrupp-Personalmanagerin Barbara Thiel. Bis 2020 strebt sie 15 Prozent an. Deshalb fördert das Unternehmen über das Karrierenetzwerk „Femtec“ junge Frauen, um Individualität und Vielfalt frühzeitig effektiv einzusetzen. Anfang 2014 veranstaltete HKM einen sehr gut besuchten Open-Space-Workshop mit dem Titel „Frauen bei HKM“ und richtete außerdem unter Beteiligung der Geschäftsführung einen Lenkungskreis ein, der sich unter anderem um die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf kümmert.

Zum anderen sind die Stahlunternehmen in Deutschland sehr attraktive Arbeitgeber, die den Anforderungen an die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in hohem Maß gerecht werden. So haben viele Stahlunternehmen flexible Arbeitszeiten und unterstützen ihre Arbeitnehmer durch betriebliche Kindergärten. thyssenkrupp Steel Europe hat sogar ermöglicht, dass sich zwei Frauen einen Job teilen. Die beiden jungen Mütter Nina Frost und Sina Echterhoff arbeiten im Modell Jobsharing beide 20 bzw. 24 Stunden pro Woche und können sich ihre Arbeitszeit flexibel einteilen. Passenderweise arbeiten sie zusammen im Diversity Management und konzipieren unter anderem ein Mentoring-Programm für talentierte Frauen. So gibt es inzwischen ein konzerninternes Netzwerk „wow! web of women“, in dem sich Frauen eigeninitiativ mit der Thematik Beruf und Karriere auseinandersetzen.

Für sein Engagement wurde thyssenkrupp Steel Europe 2014 sogar mit dem Total E-Quality-Prädikat ausgezeichnet. Das Zertifikat, dessen Vergabe vom Bundesfamilienministerium unterstützt wird, würdigt jährlich Unternehmen, die sich für eine gleichberechtigte Förderung am Arbeitsplatz einsetzen.

Frauen in MINT – Länder in der Pflicht

Doch die Stahlindustrie in Deutschland kann gesellschaftlichen Wandel nicht im Alleingang herbeiführen. Darum ist die Frauenförderung in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) primär bildungspolitische Aufgabe der Länder und der Hochschulen.

Die Idee von „Frauenstudiengängen“ für MINT-Fächer nach amerikanischem Vorbild, bei denen sich ausschließlich Frauen bewerben dürfen, ist ein interessanter Integrationsversuch, weil er angehenden Ingenieurinnen das Selbstvertrauen geben kann, in bisher männlich-dominierten Berufen zu bestehen.

Die Preisträgerinnen beim Young Academics‘ Steel Award 2015, Dr. Irene de Diego-Calderón (Mitte links) und Irina Gospodinov (Mitte rechts) bei der Preisverleihung mit Hans Jürgen Kerkhoff, Vorsitzender des Stahlinstituts VDEh und Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl (links) und Dr. Peter Dahlmann, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des VDEh.

Die Preisträgerinnen beim Young Academics‘ Steel Award 2015, Dr. Irene de Diego-Calderón (Mitte links) und Irina Gospodinov (Mitte rechts) bei der Preisverleihung mit Hans Jürgen Kerkhoff, Vorsitzender des Stahlinstituts VDEh und Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl (links) und Dr. Peter Dahlmann, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des VDEh.

Vor allem ist die Schulpolitik der Länder gefragt, um Lehrkräfte für das Thema der geschlechtsneutralen Studien- und Berufswahl zu sensibilisieren und pädagogisch weiterzubilden. Denn um den Fachkräftemangel in Deutschland im Allgemeinen und in der Stahlindustrie im Besonderen langfristig kompensieren zu können, müssen Schüler und Schülerinnen frühzeitig über Vorurteile bezüglich geschlechtsspezifischer Qualifikationen aufgeklärt werden. Die Stahlunternehmen in Deutschland leisten ihren Beitrag in dieser frühen Entwicklungsphase durch die Zusammenarbeit mit Schulen wie der „Kiddy-Akademie“ von ArcelorMittal.

Dass Frauen in der Wissenschaft auch in den Bereichen Metallurgie und Werkstoffwissenschaft Stahl auf dem Vormarsch sind, zeigte sich beim Young Academics‘ Steel Award. Die Auszeichnung wurde erstmalig im November 2015 vom Stahlinstitut VDEh verliehen, und in beiden Kategorien siegten Frauen. In der Kategorie „Beste Masterarbeit“ gewann Irina Gospodinov vom Institut für Eisenhüttenkunde der RWTH Aachen. Sie arbeitet inzwischen als Werkstoff-Ingenieurin und technische Kundenbetreuerin bei dem Edelstahlwerk Kind & Co im oberbergischen Wiehl. In der Kategorie „Beste Dissertation“ setzte sich Dr. Irene de Diego-Calderón vom IMDEA Materials Institute der University Carlos III of Madrid gegen die europäische und überwiegend männliche Konkurrenz durch.

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portrait_brueninghaus_blogÜber die Autorin: Beate Brüninghaus war bis Juni 2016 Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit des Stahl-Zentrums in Düsseldorf.

 

 

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Arbeitgeber Stahlindustrie
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