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Montag, 20. Februar 2017
26. Januar 2017 | 14:31

Ein Sarg für Tschernobyl – Stahl schirmt Radioaktivität ab

Stahl ist für Windkrafträder, Leichtbausysteme oder 100 Prozent recycelbare Verpackungen ein unverzichtbarer Bestandteil. Wir brauchen Stahl aber auch für Herausforderungen der ganz besonderen Art – als Schutz vor Radioaktivität nach Nuklearkatastrophen. Die neue Edelstahlhülle für den Unglücksreaktor in Tschernobyl macht es vor.

Im April 1986 ereignete sich in Tschernobyl in der Ukraine eine Nuklearkatastrophe, die die Menschen noch Hunderte von Jahren beschäftigen wird. Mit der Explosion im Unglücksreaktorblock 4 trat der GAU ein. Der größte anzunehmende Unfall ist mit dem von Fukushima im Jahr 2011 vergleichbar. Direkt nach dem Unglück wurde innerhalb von wenigen Monaten ein Sarkophag aus Beton errichtet. Dieser ist mit der Zeit allerdings brüchig geworden, wodurch permanent radioaktiver Staub in die Umwelt entweicht und Regen eindringt. Somit bietet der Sarkophag keinen wirklichen Schutz mehr vor den radioaktiven Materialien, die gefährlich im Inneren schlummern.

Neuer Sarkophag aus Edelstahl

Eine neue Schutzhülle war also dringend erforderlich. Sie sollte sowohl den alten Sarkophag, als auch den Reaktorblock komplett umschließen können – eine schwierige Aufgabe. Aufgrund der Komplexität des Projektes dauerte die Planung der neuen Ummantelung 25 Jahre. In dieser Zeit arbeiteten internationale Experten an der Konstruktion der sogenannten New Safe Confinement (NSC), eine bogenförmige Ummantelung aus Edelstahl, die aus zwei Hälften besteht. Sie soll sowohl Feuer, Regen und Schnee sowie Tornados und Erdbeben trotzen.

100 Jahre Haltbarkeit sind ein Muss

Die bogenförmige Ummantelung spannt sich über den Unglücksreaktor und Betonsarkophag in Tschernobyl (Foto: WZV / Kalzip GmbH).

Da die Strahlung vor Ort zu hoch ist, fand der Bau der Edelstahlhülle in 300 Meter Entfernung vom Reaktor unter besonderen Schutzmaßnahmen statt. Nach der Fertigstellung wurden die Bogenhälften in die Nähe des Reaktors transportiert und schließlich miteinander verschraubt. Beeindruckend sind die Ausmaße der Konstruktion: 29.000 Tonnen schwer erstreckt sie sich 257 Meter in die Breite, ist 150 Meter lang und 105 Meter hoch. Das Wichtigste ist jedoch: Sie muss 100 Jahre halten. Denn so lange wird es dauern, bis die Rückbauarbeiten am Reaktor abgeschlossen sind. Die Projektkosten belaufen sich auf 1,5 Milliarden Euro, die hauptsächlich die G7-Staaten und die Europäische Union tragen. Das liegt auch an der aufwendigen Technik an der Innenseite der Hülle. Mit speziellen Anlagen sollen die radioaktiven Altlasten demontiert werden. Ende 2017 ist offizieller Start des Langzeitprojektes.

Lösung für Fukushima?

Eine langfristige Lösung des Umweltproblems ist auch in Fukushima bisher nicht in Sicht. Zwischenzeitlich hat man dort Einhausungen (Stahlgerüstkonstruktionen) über zwei von vier Reaktoren errichtet. Diese sollen das Austreten der radioaktiven Stoffe in die Umwelt verhindern. Ein aufwendiger Edelstahl-Sarkophag wie in Tschernobyl ist, soweit bekannt, bisher nicht geplant. Wer weiß, vielleicht wird eine vergleichbare Konstruktion auch eines Tages in Japan eingesetzt.

 

Über die Autorin: Carolin Marienfeld ist Volontärin im Bereich Öffentlichkeitsarbeit im Stahl-Zentrum in Düsseldorf.


Beitragsbild: Edelstahlschutzhülle für den Unglücksreaktor in Tschernobyl (Foto: WZV / Kalzip GmbH).

 

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Edelstahl
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Umweltschutz

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