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Montag, 25. September 2017
15. März 2017 | 10:30

Die Überkapazitäten in China bleiben auf extrem hohem Niveau

Die chinesische Führung hat auf dem nationalen Volkskongress Anfang März nicht nur ihre gesamtwirtschaftlichen Zielvorstellungen formuliert, sondern auch Vorgaben für den Abbau der Stahlkapazitäten in 2017 gemacht: Diese sollen im laufenden Jahr um 50 Millionen Tonnen sinken. Im vergangenen Jahr war ein Ziel von 45 Millionen Tonnen verkündet worden, das aber am Ende mit 65 Millionen Tonnen deutlich übertroffen wurde.

Unterstellt man, dass die Kapazitätsziele in diesem Jahr wie geplant erfüllt werden, würde sich in Summe der Jahre 2016/2017 also ein Abbau von insgesamt 115 Millionen Tonnen ergeben. Die chinesische Regierung scheint somit auf dem besten Wege zu sein, ihr langfristiges Ziel, die Stahlkapazitäten bis 2020 um 100-150 Millionen Tonnen gegenüber dem Jahr 2015 zu reduzieren, zu erreichen.

Kapazitätskürzungen: Deutlich weniger ambitioniert als es erscheint

Bei näherer Betrachtung reduzieren sich diese „Konsolidierungserfolge“ jedoch gleich in mehrfacher Hinsicht: Zum einen beziehen sich die chinesischen Zahlen immer auf Bruttogrößen. Kapazitätserweiterungen bzw. neu in Betrieb gehende Anlagen sind jedoch nicht berücksichtigt. Rechnet man diese mit ein, reduziert sich der chinesische Nettoabbau der Jahre 2016/2017 um rund 60 Prozent auf gut 60 Millionen Tonnen und damit auf gerade einmal fünf Prozent der Gesamtkapazität von rund 1,1 Mrd. t in 2016.

Zweitens ist zu berücksichtigen, dass die genannten Schließungen zu einem Großteil bereits außer Betrieb gesetzte Anlagen betreffen und damit nur wenig marktwirksam gewesen sein dürften. Marktbeobachter sprechen von einem Anteil von 70-75 Prozent. Dies erklärt auch, warum trotz des Kapazitätsabbaus die Rohstahlerzeugung 2016 moderat und Anfang 2017 sogar sehr deutlich ausgeweitet worden ist und die Stahlexporte im vergangenen Jahr trotz internationalen Drucks und einer Vielzahl von Handelsklagen gegen chinesische Exporteure nur leicht gesunken sind.

Und schließlich muss auch die Stahlnachfrage mit in den Blick genommen werden: Im vergangenen Jahr ist das Volumen auf dem chinesischen Stahlmarkt leicht gestiegen, nachdem es in den beiden Jahren zuvor zum Teil zu massiven Einbrüchen gekommen war. Ursächlich war insbesondere der Rückgriff auf traditionelle Rezepte chinesischer Konjunkturpolitik in Form fiskalischer und monetärer Stimuli unter Inkaufnahme wachsender Risiken für die gesamtwirtschaftliche Stabilität. Mittelfristig ist dies nicht durchhaltbar. Auch deshalb gehen die meisten Beobachter von einer strukturell sinkenden Stahlnachfrage im Reich der Mitte aus. In einem schrumpfenden Markt braucht es aber entschlossenere Schritte in Richtung Kapazitätsabbau als es bei wachsender Nachfrage der Fall ist.

Chinas aktuelle Abbauziele reichen bei weitem nicht aus

Die auf dem Volkskongress verkündeten Stilllegungsziele reichen bei näherer Betrachtung bei weitem nicht aus, um die chinesische Überkapazitätsproblematik im Stahl spürbar zu entschärfen: Aktuell liegt der Kapazitätsüberhang in China, definiert als Differenz zwischen Angebot (Kapazität) und Nachfrage (Marktversorgung) bei rund 350 Millionen Tonnen. 2017 dürfte er sich zwar weiter reduzieren, mit rund 330 Millionen Tonnen aber auf einem extrem hohen Niveau verbleiben und selbst unter Rückgriff auf optimistische Nachfrageszenarien bis 2020 über der 300 Millionen Tonnen-Grenze verharren. China wird damit auch in den kommenden Jahren potentiell in der Lage sein, mit seinen Überkapazitäten die gesamte Nachfrage in der EU, NAFTA und Südamerika (2016: rund 330 Millionen Tonnen) abzudecken bzw. diese Märkte mit gedumpten Exporten zu überschwemmen.

 

TheuringerMarin DrÜber den Autor: Dr. Martin Theuringer ist Geschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Stahl und leitet das Geschäftsfeld Wirtschaft.


Foto: Große Halle des Volkes in Peking, by Gisling (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

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Außenhandel
China
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